Rangliste Suhl DSB v. 14.07.2013

LP Männer

1.WK = 578

2.WK = 584

3.WK = 577

Gesamt 1739 Rang 1  (24Ring vor Platz 2)

FP Männer

1.WK = 550

2.WK = 555

3.WK = 561

Gesamt 1666 Rang 1   (12Ring vor Platz 2)

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Play-up!-Ramp

Anmerkung des Autors: Projektarbeit wurde gekürzt um die Sportlerprofile

Startgrafik

 

 

Thema: Betrachtung und Analyse des Play-up!-Ramp Zustandes beim Sportschießen

Das Schießen im Wettkampf erfordert vom Leistungsschützen hoch entwickelte Willenskraft und angespannte Aufmerksamkeit für die Dauer mehrerer Stunden.

Begleitet von der normalen Nervosität bereitet sich der Sportler vor. Muskeln werden erwärmt und Gedanken müssen geordnet werden. Der Vorstartzustand stellt sich ein.

Oft lässt sich schon durch Verhalten und Aussage des Schützen eine motivierte bzw. demotivierte Einstellung zum Wettkampf festmachen. Ein gestresster oder trübsinniger Sportler wird seine Höchstleistung nicht erbringen. Der aktiv angetriebene Schütze hingegen nutzt seine positive Einstellung, die Gruppendynamik seiner Mannschaft, das gute Gespräch mit dem Trainer oder dem Zimmermitbewohner, die Auseinandersetzung mit dem Gegner, der auch Freund sein kann, zur Leistungssteigerung.

Unbestritten bestimmen unvorhersehbare Ereignisse unmittelbar vor dem Wettkampf, wie aber auch das Erleben und das Ergebnis des Trainings, des letzten Wettkampfes bis hin zum Verlauf der letzten Saison, maßgeblich den Zustand des Schützen im anstehenden Wettbewerb.

In der Projektarbeit soll der Zustand und das Verhalten der Sportler in der Zeit zwischen dem Pre-Event-Training und dem Hauptwettkampf betrachtet und in der Trainingsgruppe untersucht werden.

Der maßgebliche und leistungsentscheidende Einfluss dieser Periode auf den Wettkampfverlauf soll herausgestellt, Erkenntnisse bewusst gemacht, Ratschläge zu Verhaltensweisen erarbeitet und im Gruppentraining überprüft und verbessert werden.

Dabei wird der Zeitraum der Betrachtung des Vorstartzustandes um die Stunden nach dem vortägigen Training, den Abend und die Nacht davor erweitert und schließt die morgendliche Vorbereitung mit ein. Dabei grenzt sich die Projektarbeit zeitlich von der bereits ausreichend publizierten unmittelbaren Wettkampfvorbereitung im ursprünglichen Sinne ab.

Für diesen VOR-Vorstartzustand definiere ich die Terminologie:

Play-up!-Ramp

 

Diesen Ausdruck leite ich aus dem englischen Sportausruf „play up!“ für „Vorwärts!“ und dem Wort Rampe (techn.: Zeitabschnitt mit kontinuierlicher Steigerung eines Wertes) ab.

Play-up!-Ramp soll einen vom Schützen kontrollierten ausgerichtet ansteigenden Sensibilisierungszustand beschreiben.

Grafik1

Beispiel einer typischen Vorkampfphase

Eingangsanalyse

Für die projektbezogene Trainingsgruppe konnte die Bundesligamannschaft des SB Broistedt gewonnen werden. Es ist davon auszugehen, dass eine Gruppe von Topsportlern einen ausgiebigen Erfahrungsschatz für ihre Wettkampfvorbereitung hat, dies aber ohne weiteres auch auf Anfänger und Aufsteiger übertragbar ist. Die Beobachtungen treffen eine Trainingsgruppe von 5 Sportler der Kernmannschaft, jedoch werden zwei Sportler unterschiedlichen Charakters ausführlich betrachtet.

Planung der Projektabschnitte

  1. Schritt:       Einzelgespräche und Beobachtung der Mannschaft im Rahmen von mindestens zwei Bundesliga-Wettkämpfen
  1. Schritt:      Problem- und Motivationsgestaltung der Wettkampfschützen diskutieren
  1. Schritt:       gedankliche Verarbeitungsstrategien (Ablenkung, schießfachliche Gespräche, Regungslosigkeit, Bewusstmachen). Erörtern in der Zeit:

–          nach dem Training

–          in der Gruppe im Gespräch mit und ohne Trainer

–          vor dem Schlafengehen

–          am Wettkampftag

  1. Schritt:       körperliche Verarbeitungsstrategien (Ruhe, Bewegung, Trockentraining, Essen). Erörtern in der Zeit:

–          nach dem Training

–          in der Gruppe

–          vor dem Schlafengehen

–          am Wettkampftag

  1. Schritt:      Vielfältigkeit und Individualität der Play-up!-Ramp darstellen
  1. Schritt:      Gruppen- und Einzelgespräche während des Trainings
  1. Schritt:       Individuelle Verarbeitungsstrategien mit Schützen vor einem Wettkampf     durcharbeiten
  2. Schritt:      allgemeingültige Regeln herauslösen und in einer Nachbetrachtung darlegen

Durchführung

Zwei Bundesligawettkämpfe mit den entsprechenden Vorbereitungstrainingseinheiten wurden genutzt, um das Verhalten der Sportler zu beobachten und um ausgiebige Einzelgespräche zu führen. Im Detail wurden geschilderte Auffälligkeiten, Probleme und individuelle Motivationen in Stichpunkten zusammengefasst und anhand eines Zeitstrahls im Betrachtungszeitraum angetragen.

Hierbei kristallisierten sich bereits Brennpunkte im zeitlichen Geschehen bei allen Beteiligten heraus.

Als die zwei hervorstechenden Zeiträume sollen genannt werden:

  1. Rückzugs-/Einschlafphase
  1. Anstupsmotivationsphase

Beide Bereiche haben schon einen Eigennamen erhalten, da alle Sportler mit den Begriffen umgehen konnten. Die Bereiche grenzen unmittelbar an die Nachtruhe, dem imaginären Mittelpunkt des Betrachtungszeitraumes. Dieser Mittelruhepunkt während der Nacht kann auch auf einen anderen Zeitpunkt z.B. einem Ruhepunkt zwischen zwei Wettkämpfen an einem Tag übertragen werden. Auch hier findet man eine Rückzugsphase nach dem ersten Wettkampf, einem Ruhepunkt und eine Phase, die vom Sportler neue Motivation zur Einstellung und Vorbereitung auf den bevorstehenden zweiten Wettkampf abverlangt.

Da die Nachtruhe mit dem Einschlafvermögen und dem morgendlichen „in die Strümpfe kommen“ eine besondere Stellung in der Vorwettkampfplanung inne hat, wird gerade dieser Fall erörtert.

Im Wesentlichen wurden die gedanklichen und körperlichen Einflüsse auf die Sportler gesammelt, um Hinweise zu finden, inwieweit dies schon Wirkung auf den kommenden Wettkampf haben kann. Gepaart mit dem zunehmenden Erregungszustand trägt der Sportler einen Rucksack voller Eindrücke, Belastungen, Motivationen, Rituale, Gedanken, Trägheit, Freude, Kampfgeist, Versagensangst und Mut, eine mehr oder weniger steile Rampe zum Wettkampf hinauf.

Die Bestimmung der Rampen-Steigung hat jeder Sportler selbst in der Hand.

Eine Hilfe zur Rampen-Abflachung soll diese Projektarbeit geben.

Dokumentation

Aus den geschilderten Erfahrungen der Sportler wurden beispielhaft zwei praxisbezogene Szenarien zusammengestellt, mit dem Versuch die gedanklichen und körperlichen Einflüsse innerhalb der  Play-Up!-Ramp  zu trennen. Die Wirkungen auf den Wettkampf werden nur angeschnitten sind aber erheblich und nicht von der Hand zu weisen:

–          Gedankliche Einflüsse und Wirkung

 

Szenario 1: das Pre-Event-Training ist gut gelaufen, das gute Gefühl soll mitgenommen werden. Der Trainer bestärkt und maßregelt, den bevorstehenden Wettkampf nicht zu leicht zu nehmen. Vor dem Schlafengehen wird noch angeregt über Schießtechniken mit dem Zimmergenossen diskutiert. Eigentlich müde, drehen sich im Gespräch alle Gedanken um das Schießen, sogar Zweifel an der eigenen Technik kommen auf. Das Einschlafen fällt schwer. Der Schlaf ist flach. Nach dem zweiten Weckerklingeln wird mit gelähmten Gliedern die Dusche gemeistert. Das fahle Gesicht wird durch etwas Fettcreme aufgefrischt. Niemand soll sehen, wie lang der Abend war. Beim Frühstück sitzt ausgerechnet jemand gegenüber, der behauptet, der Wettkampf könne nicht gewonnen werden, weil man noch nie gegen diesen Gegner gewonnen hätte. Den Zeitpunkt des gemeinsamen Treffens verwechselt, den Transferbus fast verpasst. Im Bus fällt ein, dass man den Präsentationstrainingsanzug für den etwaigen Medaillenrang im Hotel vergessen hat. Genauso wie die Prüfungsvorbereitungsfragen, die in der Freizeit auf der Fahrt zum Schießstand durchgegangen werden sollten, liegen im Hotel. Wegen dieses Wettkampfs wurde die Klausur extra verschoben.  In den vorbeifliegenden Straßencafés könnte man jetzt gemütlicher sitzen . . . . . . . . . der Wettkampf beginnt schon schwer, die Gedanken fliegen, der Gegner macht einen fitten Eindruck, die Tagescreme ist jetzt im Auge verrieben und lässt die Sicht verschwimmen, die Klausur wurde wegen dieser 93er-Serie  e x t r a  verschoben, sollte man vielleicht doch schneller im Halteraum abziehen? Den Abzug könnte man wirklich besser einstellen. Bei dieser Startserie braucht man am Ende sowieso keinen Präsentationstrainingsanzug!

–          Körperliche Einflüsse und Wirkung

 

Szenario 2: das Pre-Event-Training ist gut gelaufen. Heute ist die anstrengende Anreise zu spüren. Etwas Ruhe könnte jetzt gut tun. Die Waffenkontrolle kann noch warten. Morgen ist noch genug Zeit. Das naheliegende Hotel wartet mit verdunkelten Fenstern auf eine Stunde mit Bettdecke über dem Kopf. Schlapp muss zur Besprechung gegangen werden, die heute ungeduldig länger dauert. So spät essen gehen soll nicht gut sein. Mexikanisch ist leichte Kost. Nur scharf muss es sein, den Körper spüren und das Verlangen danach stillen. Ein Caipirinha schadet nicht. Zufußgehen hätte besser getan. Das Glas Rotwein hilft beim Einschlafen. Als der Wecker klingelt ist noch eine tiefe Müdigkeit zu spüren. Jeder andere Tag beginnt leichter, ausgerechnet heute muss der Wettkampf sein. Der Jetlag muss schuld sein. Ein Vitaminstoss beim Frühstück per Orangensaft, doch gleich zwei. Ob Jetlag oder O-Saft, der Magen fühlt sich nicht gut an. Man möchte lieber sitzen bleiben. Mit niedrigem Blutdruck lebt man länger. Das ganze Zeug noch zum Auto schleppen, 12 Kilo wiegt allein der Waffenkoffer und dann noch der Rest. Die Finger sterben gleich ab. Ausgerechnet heute ist die Schlange vor der Waffenkontrolle noch länger. Das wird knapp bis zur Vorbereitungszeit, noch einen Fingernagel eingerissen, immer am Abzugsfinger . . . . . . . . . . . . . . . ist es hier wirklich so heiß, warum war keine Zeit mehr, ein Wasser zu holen? Die ersten Schüsse der Probe sind gerade erst geschafft, ist es die Aufregung oder diese Hitze, der Schweiß tropft von der Stirn, der Kopf fühlt sich brennend an, dabei hat die 1.Serie nicht mal angefangen. Oh, nicht gut, noch ein Brennen. Wo ist die nächste Toilette, wo ist die Standaufsicht? Gut, noch alles in der Probeserie. Wo ist denn nur die Standaufsicht?

Auswertung

Aus den beschriebenen Szenarien kann eine Erregungslinie (rot) des Sportschützen im Betrachtungszeitraum angetragen werden. Die graphische Darstellung einer vom Schützen kontrollierten und konditionierten Erregungslinie (grün) zeigt den erstrebenswerten Verlauf der  Play-up!-Ramp .

Grafik

Der Erregungszustand zeigt große Sprünge, die es zu ebnen gilt. Lediglich ist eine ansteigende Erregung zum Wettkampfbeginn erstrebenswert, um die Aufmerksamkeit auf einem hohen Niveau zu halten.

Anhand eines didaktischen Rasters wurde ein Ablaufplan zur Vorbereitung auf einen Bundesligawettkampf beschrieben. Der Trainer soll mit den beschriebenen Maßnahmen auf die Schützen einwirken, um eine Reduzierung der Erregung mit deren positiven Auswirkungen auf den Wettkampf zu erreichen. Es zeigte sich, dass auch hier eine detaillierte Planung helfen kann.

Didaktisches Raster zur Planung der Trainingsabschnitte im Rahmen der Projektarbeit

Ausbildungsgang:  Trainer B-Ausbildung Pistole                                                                  Zeitraum / Etappe:          Bundesliga-Wettkampf

Trainingsgruppe:     Bundesligamannschaft SB Broistedt                                                    Trainer / Disziplin:       Hans-Jörg Meyer / LP

Thema:          Betrachtung und Analyse des Play-up!-Ramp Zustandes beim Sportschießen

ZeitWie lange? ZielWas will ich erreichen? InhaltWas soll genau getan werden? MethodeWie bringe ich das bei?  MaterialWas brauche ich? AnmerkungenAchtung, denke an!
PET bis Auswertung mit Trainer 1h Auswertung des Trainings. Abschluss des Schießens Trainingsauswertung. Beendigung des aktiven Schießhandelns. GesprächTeamteaching Pistolenkoffer zu.
Gemeinsames Essen 2h Teambildung, ohne Technikgespräche Gemeinsames Essen, bei dem Wert auf Zusammenhalt und nicht auf schießtechnische Aspekte gelegt wird GruppenaktivitätTeamteaching
Rückzugsphase Einschlafphase 1h TagesrückblickTagesabschluss Meditative Bewusstmachung des vergangenen TagesRegenerativer „Spaziergang“ Entdeckendes LernenPartnerarbeit Achtung, auch hier keine Technikgespräche
Anstups-motivation1h Motiviertes Aufstehen mit WK-Ausrichtung ; Equipmentkontrolle Sportlich ambitioniertes Aufstehen zur körperlichen und geistigen AufmunterungSchießzubehör ordnen und vorbeugen GruppenaktivitätSelbstdisziplin Checkliste
Anreise WK1h StimmungsaufhellungMotivation beibehalten/erhöhen Nutzen der Handlungsruhe während der Anfahrt mit gedanklicher Ausrichtung, geeignete Musik hören SelbsterfahrungPartnerarbeit Musikabspielgerät
Wettkampf-vorbereitung Direkte Hinführung zum Wettkampf Beginn des aktiven SchießhandelnsAktive Beschäftigung mit Waffe und Wettkampf Praxis Pistolenkoffer auf.

Nachbetrachtung

Die Individualität der Schützen zeigte sich in natürlicher Weise auch im Umgang im Geschehen während der Play-up!-Ramp. Jedoch können allgemeine Verhaltensregeln abgeleitet werden, die hier noch einmal zusammengefasst werden:

> Das Beschäftigen und Auseinandersetzen mit der eigentlichen Schießhandlung sollte sich auf zeitliche Bereiche beschränken und mit Eckpunkten begrenzt. Grenzpunkte könnten das Verschließen und Öffnen des Waffenkoffers sein. Damit beschränkt der Schütze die technischen Abläufe auf die reinen (Trocken-)Trainings- und Wettkampfzeiten. Abgeschlossene Vorgänge lassen weniger Zweifel aufkommen.

> Möglichst nach dem Pre-Event-Training ist das Equipment sowie die Bekleidung für den anstehenden Wettkampf auf Vollständigkeit zu prüfen und gepackt bereitzustellen.

> Beim gemeinsamen Essen mit der Mannschaft sollten Trainingsergebnisse, Technikelemente und Waffentechnik nicht zum Gesprächsthema werden. Hier sollte eher die Teambildung im Vordergrund stehen.

> Dem Schützen sollte zum Ruhepunkt bzw. zur Nachtruhe genügend Zeit zur Verfügung stehen, die Gedanken zu ordnen. Ein Spaziergang oder auch ein Dauerlauf schafft eine sehr günstige Voraussetzung müde zu werden und den Tag ganz bewusst abzuschließen. Einschlafen lässt sich gerade nicht durch Zwang, Selbstbeherrschung, Wille und Anstrengung herbeizwingen. Alkohol ist eine Krücke, über die man spätestens am nächsten Morgen stürzt.

> Trotz genügend Schlaf kommt es vor einem Wettkampf oft zu einem lethargischen Wachwerden. Hier heißt es doch eine Stunde am Morgen mehr einzuplanen und diese Zeit für gemeinsamen Frühsport zu nutzen. Das mag auch wieder nur ein Spaziergang oder Gymnastik vor dem offenen Fenster sein. In dieser Anstupsphase ist das Team sehr wichtig, weil sich der Einzelne nur schwer bewegen lässt. Eine fest angeordnete Uhrzeit hilft.

>Auch das Essverhalten vor einem Wettkampf kommt eine größere Bedeutung zu, als es zunächst erschien. Die Erregung lässt mutmaßlich eine große Lust auf scharfes deftiges Essen aufkommen. Allgemein haben Menschen, die viel denken und intellektuell arbeiten, ein spürbar größeres Verlangen nach salziger Nahrung und herzhaften Speisen. Der Schütze gehört definitiv dazu, nur sollte er in Hinblick auf den bevorstehenden Wettkampf auf leichter verdauliche Kost zurückgreifen.

> Der Wettkampf stanzt Denk-Löcher in die Vorbereitungszeit.

Es ist nicht anzunehmen, dass sich der Schütze vor einem Wettkampf auf eine Schulaufgabe oder Arbeitsthemen konzentrieren kann. Das Lernen ist nicht erfolgversprechend und kann daher nur verschoben werden.

Resümee: Die Schützen der Trainingsgruppe konnten durch Bewusstmachung der beschriebenen Vorgänge erfolgreich Gewohnheiten aufbrechen und Abläufe planen. Der Trainer konnte durch Beobachtung und Diskussion mit seinen Sportlern wichtige Strategien zur Abflachung der Play-up!-Ramp erarbeiten.

                        Vergrößerte Grafik

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Das große Brechen

Große Kunst ist dann erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann.

Chinesisches Sprichwort

Ein Gedanke wird zum Befehl. Lange 0,8 Sekunden vergehen bis der Impuls am Finger ruckt. Ein Mechanismus wird betätigt. Energie wird frei und sucht den Weg des geringsten Widerstandes, namens Bleistopfen. Der bricht los und stürmt in einer dreitausendstel Sekunde durch ein 230 mm langes Rohr, um in etwa 9,5 m Entfernung ein Loch in die Pappe zu stanzen.

So einfach ist das.

Aber muss man das wissen?

Einzig interessant dabei bleibt doch, dass die Mechanik 267 mal schneller ist, als der Mensch. Wer sieht dann noch den Fehler bei der Waffe?

Geht man mit dieser Betrachtung in der Vorgang des Schießens, wird klar, wie viel dieser heilige Moment des Abdrückens für den Erfolg des Treffers bedeutet.

Hätten wir nun unendlich viel Kraft, ausdauernde Augen und keine Bewegung beim Luftaustausch der Lungen, müsste ich an dieser Stelle nicht von Konzentration sprechen. Konzentration heißt, sich auf wenige wichtige Dinge beschränken. Nun ist aber das Abziehen so komplex, dass es nötig wird, Vorgänge zu automatisieren. Der winzige Moment des Auslösens erfordert alleinig die volle Konzentration. Aber darauf komme ich später zurück.

Zu den Automationen zähle ich sämtliche Handlungen, die nur unmittelbar mit dem Ziel – Abzugsvorgang zu tun haben. Ich begrenze im vornherein den automatisierten Teil auf einen möglichst kurzen Zeitraum. Nach dem Laden der Waffe und dem Überprüfen des gleichmäßigen Sitzes des Griffes, wird nun die Waffe nicht mehr abgesetzt, um ein Verrutschen zu unterdrücken. Einmal im Griff ist nun die Position bei ausgestrecktem Arm festgelegt. Das kostet am Anfang mehr Kraft, aber führt zu einem gleichmäßigerem Bewegungsablauf.

Die Automatisierung beginnt jetzt und wiederholt sich bei jedem Schuss.

Die Atmung wird beruhigt. Die Gedanken folgen nur noch dem Zielvorhaben. Ein hereinkommender Gedanke oder ein unvorhersehbares Ereignis, wie die Durchsage eines Offiziellen oder die Fliege, die um die Waffe herumsurrt, führen sofort zum Abbruch des Zielvorganges. Die unterbewusste Verarbeitung dieses Ereignisses würde zu viel Konzentration kosten.

Die Waffe verlängert den Arm. Man spürt sie eindeutig durch leichten Druck am Mittel- und Ringfinger und dem unwahrscheinlich sattem Gefühl des Zeigefingers am geraden Abzugszüngel. Verdrehte Abzugszüngel fordern das seitliche Verreißen förmlich heraus. Also immer schön gerade lassen!

Es hat sich bereits durchgesetzt, das nichtzielende Auge geöffnet zu lassen und nur abzudecken, sowie den unbenutzten Arm irgendwie am Körper zu fixieren. Alles Dinge, die zur Entkrampfung aller Muskelpartien beitragen sollen. Nur beim Stand und der Atmung werden noch viele Fehler gemacht. Betrachten wir erst einmal den Stand. Er sollte locker, mit leicht angewinkelten Knien, sein. Das Ausnutzen der von Sehnen und Bändern begrenzten Knien und Schulter, ist nach dem Lockerungsprinzip wohl nicht angebracht. Das mag etwas komisch aussehen, aber wollen wir nun besser schießen oder uns gut anschauen lassen?

Die Füße stehen etwa schulterbreit im sogenannten Boxerstand, im Tai Chi nennt man das auch den Bärenstand. Das ist äußerst stabil, ermöglicht den vollen Kontakt zum Boden und ein Gefühl für die Mitte in einem selbst. Mit geschlossenen Augen findet man seinen eigenen Stand am besten. Und mit der ausgestreckten Waffe am Arm auch die natürliche Richtung, was schwierig genug erscheint, da die Stellung in ihrer Grundhaltung schon extrem asymmetrisch ist. Jede übertriebene Ausrichtung in eine unnatürliche Haltung führt wieder zu einer Verkrampfung und Instabilität! Fragen sie mal einen Boxathleten.

Ein großes Problem beim Schießen ist das Aufstauen von Energie im Körper. Von erhitzten Gemütern und vor Aufregung hocherröteten Gesichtern mit weit geöffneten Pupillen lebt jeder Wettkampf. Die Aufregung gehört ja auch dazu, so weiß es jeder erfahrene Wettkampfschütze. Aber brauchen wir das gerade beim Zielvorgang?

Für diesen Moment höchster Konzentration sollten doch alle Energien frei fließen. Stattdessen wird der Mund zugekniffen, die Atmung eingestellt und die nächste Verkrampfung ist da.

Warum also nicht, wie es bei vielen fernöstlichen Kampfsportarten praktiziert wird, den Mund öffnen. Spüren wir, wie Platz zwischen Zunge und Gaumen bleibt, um ungehindert die Energie, hier der Druckausgleich zwischen Lungen und Außenwelt, fließen zu lassen.

Jetzt ist es aber so weit. Der Arm ist ausgestreckt, die Visierung ist aufgenommen. Die Konzentration wächst und damit auch die Spannung im Körper. Fast unvermeidbar. Und gerade in dieser Phase entsteht der größte Fehler : Das Brechen des Schusses als Ende der Konzentrationsphase anzusehen!

Wie uns die Physik am Anfang erklärte, dass die Waffe zwar viel schneller als der Schütze sei, macht uns aber gerade unsere Körperphysik einen Strich durch die Rechnung. Jeder verrissene Schuss zeigt uns, dass es wohl eine Grauzone zwischen dem tatsächlich ausgelösten und der empfundenen Schussabgabe gibt. Schuld daran sind bestimmt wieder diese 0,8 Sekunden Reaktions- bzw. Datenübermittlungszeit zwischen Abzugsfinger und Gehirn. Ich denke, das lässt sich kaum verbessern.

Ein nicht wegzudenkender Aspekt aus der Energielehre macht den Einfluss des Schusses auf den menschlichen Körper erst kompliziert. Was wir bei den Luftdruckwaffen nur als kleinen Energiestoß empfinden, wird bei der Großkaliberpistole geradezu eine Entladung, dem menschlichen Orgasmus oder dem Niesen gleichzusetzen. Von Freudschen Theorien möchte ich gar nicht erst anfangen. Vergessen wir aber nicht diesen Energiestoß und das auch noch innerhalb der angesprochenen Grauzone. Wichtig ist nur, das Brechen des Schusses nicht als Höhepunkt oder finales Ereignis anzusehen. Die Konzentration würde wie ein Kartenhaus sofort zusammenbrechen. Jeder hat schon einmal einen völlig sauberen Schuss erlebt und wird festgestellt haben, dass gerade hier nicht der Energiestoß die wichtigste Rolle gespielt hat, sondern der gleichmäßige Ablauf, der mit dem Nachhalten endete.

Das Nachhalten wiederum darf keinesfalls ein bloßes Hochhalten der Waffe sein. Das Auge bleibt auf der Visierung und eilt nicht zur Scheibe, was noch ein Relikt aus den Tagen war, als der Schütze noch schnell kontrollieren wollte, ob der Schuss nicht als „Plink“ im Weißen gelandet ist. Auch hier heißt es sich wieder bewusst machen, dass die Waffe viel schneller ist und der Schuss in der Grauzone verrissen wird.

Überlistet die Grauzone mit Automatisierung und überlasst dem Brechen des Schusses nicht den Höhepunkt!

H.-J. Meyer 2005