Das große Brechen

Große Kunst ist dann erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann.

Chinesisches Sprichwort

Ein Gedanke wird zum Befehl. Lange 0,8 Sekunden vergehen bis der Impuls am Finger ruckt. Ein Mechanismus wird betätigt. Energie wird frei und sucht den Weg des geringsten Widerstandes, namens Bleistopfen. Der bricht los und stürmt in einer dreitausendstel Sekunde durch ein 230 mm langes Rohr, um in etwa 9,5 m Entfernung ein Loch in die Pappe zu stanzen.

So einfach ist das.

Aber muss man das wissen?

Einzig interessant dabei bleibt doch, dass die Mechanik 267 mal schneller ist, als der Mensch. Wer sieht dann noch den Fehler bei der Waffe?

Geht man mit dieser Betrachtung in der Vorgang des Schießens, wird klar, wie viel dieser heilige Moment des Abdrückens für den Erfolg des Treffers bedeutet.

Hätten wir nun unendlich viel Kraft, ausdauernde Augen und keine Bewegung beim Luftaustausch der Lungen, müsste ich an dieser Stelle nicht von Konzentration sprechen. Konzentration heißt, sich auf wenige wichtige Dinge beschränken. Nun ist aber das Abziehen so komplex, dass es nötig wird, Vorgänge zu automatisieren. Der winzige Moment des Auslösens erfordert alleinig die volle Konzentration. Aber darauf komme ich später zurück.

Zu den Automationen zähle ich sämtliche Handlungen, die nur unmittelbar mit dem Ziel – Abzugsvorgang zu tun haben. Ich begrenze im vornherein den automatisierten Teil auf einen möglichst kurzen Zeitraum. Nach dem Laden der Waffe und dem Überprüfen des gleichmäßigen Sitzes des Griffes, wird nun die Waffe nicht mehr abgesetzt, um ein Verrutschen zu unterdrücken. Einmal im Griff ist nun die Position bei ausgestrecktem Arm festgelegt. Das kostet am Anfang mehr Kraft, aber führt zu einem gleichmäßigerem Bewegungsablauf.

Die Automatisierung beginnt jetzt und wiederholt sich bei jedem Schuss.

Die Atmung wird beruhigt. Die Gedanken folgen nur noch dem Zielvorhaben. Ein hereinkommender Gedanke oder ein unvorhersehbares Ereignis, wie die Durchsage eines Offiziellen oder die Fliege, die um die Waffe herumsurrt, führen sofort zum Abbruch des Zielvorganges. Die unterbewusste Verarbeitung dieses Ereignisses würde zu viel Konzentration kosten.

Die Waffe verlängert den Arm. Man spürt sie eindeutig durch leichten Druck am Mittel- und Ringfinger und dem unwahrscheinlich sattem Gefühl des Zeigefingers am geraden Abzugszüngel. Verdrehte Abzugszüngel fordern das seitliche Verreißen förmlich heraus. Also immer schön gerade lassen!

Es hat sich bereits durchgesetzt, das nichtzielende Auge geöffnet zu lassen und nur abzudecken, sowie den unbenutzten Arm irgendwie am Körper zu fixieren. Alles Dinge, die zur Entkrampfung aller Muskelpartien beitragen sollen. Nur beim Stand und der Atmung werden noch viele Fehler gemacht. Betrachten wir erst einmal den Stand. Er sollte locker, mit leicht angewinkelten Knien, sein. Das Ausnutzen der von Sehnen und Bändern begrenzten Knien und Schulter, ist nach dem Lockerungsprinzip wohl nicht angebracht. Das mag etwas komisch aussehen, aber wollen wir nun besser schießen oder uns gut anschauen lassen?

Die Füße stehen etwa schulterbreit im sogenannten Boxerstand, im Tai Chi nennt man das auch den Bärenstand. Das ist äußerst stabil, ermöglicht den vollen Kontakt zum Boden und ein Gefühl für die Mitte in einem selbst. Mit geschlossenen Augen findet man seinen eigenen Stand am besten. Und mit der ausgestreckten Waffe am Arm auch die natürliche Richtung, was schwierig genug erscheint, da die Stellung in ihrer Grundhaltung schon extrem asymmetrisch ist. Jede übertriebene Ausrichtung in eine unnatürliche Haltung führt wieder zu einer Verkrampfung und Instabilität! Fragen sie mal einen Boxathleten.

Ein großes Problem beim Schießen ist das Aufstauen von Energie im Körper. Von erhitzten Gemütern und vor Aufregung hocherröteten Gesichtern mit weit geöffneten Pupillen lebt jeder Wettkampf. Die Aufregung gehört ja auch dazu, so weiß es jeder erfahrene Wettkampfschütze. Aber brauchen wir das gerade beim Zielvorgang?

Für diesen Moment höchster Konzentration sollten doch alle Energien frei fließen. Stattdessen wird der Mund zugekniffen, die Atmung eingestellt und die nächste Verkrampfung ist da.

Warum also nicht, wie es bei vielen fernöstlichen Kampfsportarten praktiziert wird, den Mund öffnen. Spüren wir, wie Platz zwischen Zunge und Gaumen bleibt, um ungehindert die Energie, hier der Druckausgleich zwischen Lungen und Außenwelt, fließen zu lassen.

Jetzt ist es aber so weit. Der Arm ist ausgestreckt, die Visierung ist aufgenommen. Die Konzentration wächst und damit auch die Spannung im Körper. Fast unvermeidbar. Und gerade in dieser Phase entsteht der größte Fehler : Das Brechen des Schusses als Ende der Konzentrationsphase anzusehen!

Wie uns die Physik am Anfang erklärte, dass die Waffe zwar viel schneller als der Schütze sei, macht uns aber gerade unsere Körperphysik einen Strich durch die Rechnung. Jeder verrissene Schuss zeigt uns, dass es wohl eine Grauzone zwischen dem tatsächlich ausgelösten und der empfundenen Schussabgabe gibt. Schuld daran sind bestimmt wieder diese 0,8 Sekunden Reaktions- bzw. Datenübermittlungszeit zwischen Abzugsfinger und Gehirn. Ich denke, das lässt sich kaum verbessern.

Ein nicht wegzudenkender Aspekt aus der Energielehre macht den Einfluss des Schusses auf den menschlichen Körper erst kompliziert. Was wir bei den Luftdruckwaffen nur als kleinen Energiestoß empfinden, wird bei der Großkaliberpistole geradezu eine Entladung, dem menschlichen Orgasmus oder dem Niesen gleichzusetzen. Von Freudschen Theorien möchte ich gar nicht erst anfangen. Vergessen wir aber nicht diesen Energiestoß und das auch noch innerhalb der angesprochenen Grauzone. Wichtig ist nur, das Brechen des Schusses nicht als Höhepunkt oder finales Ereignis anzusehen. Die Konzentration würde wie ein Kartenhaus sofort zusammenbrechen. Jeder hat schon einmal einen völlig sauberen Schuss erlebt und wird festgestellt haben, dass gerade hier nicht der Energiestoß die wichtigste Rolle gespielt hat, sondern der gleichmäßige Ablauf, der mit dem Nachhalten endete.

Das Nachhalten wiederum darf keinesfalls ein bloßes Hochhalten der Waffe sein. Das Auge bleibt auf der Visierung und eilt nicht zur Scheibe, was noch ein Relikt aus den Tagen war, als der Schütze noch schnell kontrollieren wollte, ob der Schuss nicht als „Plink“ im Weißen gelandet ist. Auch hier heißt es sich wieder bewusst machen, dass die Waffe viel schneller ist und der Schuss in der Grauzone verrissen wird.

Überlistet die Grauzone mit Automatisierung und überlasst dem Brechen des Schusses nicht den Höhepunkt!

H.-J. Meyer 2005

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